Mein Onkel Gabi

 

Mein Onkel Gabi war Schneidermeister
in Wien.


Ich erinnere mich an ihn, wenngleich nur schemenhaft. Es war anno 1938, und ich war noch im Vorschulalter. Am deutlichsten blieb mir im Gedächtnis, dass er seiner Familie durch das Fenster der Justizanstalt Mittersteig gewinkt hat. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Kurze Zeit später ist er in das KZ Dachau verbracht worden, und meine Tante, seine Frau, erhielt irgendwann einmal eine einfache Postkarte, auf der vermerkt war, dass Onkel Gabi gestorben sei.


Onkel Gabi war Legitimist.


Deswegen ist er von der Gestapo verhaftet worden.

Er war kein Monarchist, nein. Er hat nur nicht an die Rechtmäßigkeit des Thronverzichts Kaiser Karls geglaubt.


Nachher soll er immer wieder „Unser Motto – Kaiser Otto“ gesagt haben. Für ihn war der Sohn des letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn gleichsam ipso iure der Kronprinz. Und Onkel Gabi hat, bevor er umgebracht wurde, fest daran geglaubt, dass die Republik, die indessen zum Ständestaat und dann zu einem Teil Großdeutschlands geworden war, irgendwann wieder Monarchie sein werde.


Er hat, was wirklich geschah, nicht erlebt. Gäbe es ihn, hätte er sich ganz gewiss unter die vielen, vielen Tausend gemischt, die am Samstag den letzten Weg Otto Habsburgs (nicht „von Habsburg“, denn das darf man nicht sagen, noch nicht, da sei der ORF vor) gesäumt haben. Es ist ganz gewiss auch eine große Zahl von Legitimisten und Monarchisten gewesen, die im Spalier standen. Auch für sie ist ein Kapitel der österreichischen Geschichte zu Ende gegangen. In der Tat: Das Geschichtsbuch wurde zugeklappt.


Allein, sind die Österreicher überhaupt noch geschichtsbewusst in Zeiten wie diesen? Ich erinnere mich an die unsägliche Wortspende Barbara Prammers, immerhin Nationalratspräsidentin und in der Hierarchie angeblich gleich nach dem Bundespräsidenten angesiedelt. Ich erinnere mich an die Einwürfe, die in den letzten Tagen immer wieder Aufwand und Kosten der Beisetzung von Otto und Regina kritisiert haben. Otto Habsburg – wer war das schon? Ein glühender Europäer, na und? Einer, der auch im 38er-Jahr vehementest für die Souveränität Österreichs eingetreten ist – auch schon was! Ein Herr inmitten von Figuren, wie viele behaupten – tja, seinesgleichen passt eben nicht in das dritte Jahrtausend, oder?


Geschichte wird von den Heutigen geschrieben. Richtig! Ist dies die Ursache dafür, dass das so oft und sogar in Regierungserklärungen angekündigte Museum in Wien, in dem Österreichs Historie aufbereitet werden soll, noch nicht einmal in Konzept und Entwurf Realität wurde? Klar doch, ist ja doch strittig, wann unsere Geschichte beginnt. In einem jüngst präsentierten neuen Lehrbuch für die Oberstufe der Gymnasien ist die Türkenbelagerung Wiens 1683 mit einem einzigen Satz erwähnt. Aber was tut's, da ja der Geschichtsunterricht ohnehin auf ein kaum noch akzeptables Mindestmaß gekürzt wurde. Und über Shoah und Holocaust wird Gott sei Dank fächerübergreifend gelehrt, und zwar intensiv.


Als Otto (von) Habsburg bereits ein alter Herr war, haben ihn Otto Schulmeister und ich einmal in ein Wiener Restaurant eingeladen. Das Gespräch war für mich eines der interessantesten meiner Karriere. Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.


Leider kann ich Onkel Gabi nichts davon erzählen. 



Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

Der erste Europäer

Otto Habsburg


Otto Habsburg hat noch verstanden, was man unter einer demokratischen Metamorphose Kakaniens unter europäischen Vorzeichen verstehen könnte.

Nach ihm kann das niemand mehr. pdate, sobald wir neue Stories publizieren oder eine aktuelle Kolumne veröffentlichen.

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Habsburgs Erbe ist
seine Renaissance


Als Erzherzog-Thronfolger hätte er einmal eine europäische Großmacht erben sollen – als ältester Abgeordneter zum Europäischen Parlament hat er den Lebensbogen beendet:

Franz Josef Otto Robert Maria Anton Karl Max Heinrich Sixtus Xaver Felix Renatus Ludwig Gaetan Pius Ignatius von Habsburg-Lothringen ist tot.

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Applaus brandete bei der Kaiserhymne auf


Otto Habsburg-Lothringen ist tot. Und die gewaltige Bewunderung der Bevölkerung für ihn war im Spalier mit Händen greifbar. Das sich die österreichischen Politpygmäen, aus Angst vom Charisma des Verblichenen überstrahlt zu werden, nicht in das Trauerspalier einzureihen trauten, sagt alles über die Verfassung der Bundesregierung - und spricht mächtig für den Verblichenen.

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